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Auch heute Heidelberger Chancen auf einen Nobelpreis
Posted January 19 2009
Die Molekularbiologie prägt alle Lebenswissenschaften – Gespräch mit Thomas Holstein, dem Dekan der Fakultät für Biowissenschaften der Universität Heidelberg

Das Gespräch mit Thomas Holstein, dem Dekan der Heidelberger Fakultät für Biowissenschaften, setzt die Interviewserie zur Universität Heidelberg in den Zeiten der Exzellenz fort. Die Fakultät für Biowissenschaften entwickelt sich zunehmend zu einer Zentrenfakultät.

 

Herr Prof. Holstein, wie haben sich die Exzellenzerfolge der Fakultät für Biowissenschaften ausgewirkt?

 

Die Exzellenzinitiative hat in unserer Fakultät viel bewegt. Vor allem in Kooperation mit der Medizinischen Fakultät, aber auch den außeruniversitären Partnern (EMBL, MPI und DKFZ) konnten wir den ersten Exzellenzcluster der Universität Heidelberg einwerben. In diesem Cluster "Zelluläre Netzwerke" sind 15 der 21 Principal Investigators ordentliche oder kooptierte Mitglieder unserer Fakultät. Außerdem waren wir – ebenfalls in Zusammenarbeit mit der Medizin – mit der "Hartmut Hoffmann-Berling Internationale Graduiertenschule für Molekular- und Zellbiologie" (HBIGS) erfolgreich. Und wir waren an zwei Projekten im Zukunftskonzept der Universität maßgeblich beteiligt: an der strategischen Allianz zwischen dem Zentrum für molekulare Biologie (ZMBH) und dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) sowie an dem Zusammenschluss der Heidelberger Molekularen Lebenswissenschaften (HMLS), einer integrativen Struktur für die gesamten Biowissenschaften des Standorts – einschließlich der außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Dies ist bundesweit einmalig.

 

Wo liegen wichtige Forschungsfelder?

 

An erster Stelle ist die Molekularbiologie zu nennen, sie zieht sich heute durch alle Lebenswissenschaften, und in Heidelberg wurde hier Pionierarbeit geleistet. Aktuell wird ein breites Spektrum vertreten, von der Grundlagenforschung bis zur Biotechnologie. Neben den klassischen Fächern (Botanik, Mikrobiologie, Pharmazie und Zoologie), bestimmen vor allem übergreifende Forschungsfelder, wie die molekulare Struktur- und Zellbiologie, Entwicklungs- und Evolutionsbiologie, Neurobiologie, Physiologie, Ökologie, Systembiologie und Biotechnologie unser Profil.

 

Welche Rolle spielt das neue Bioquant-Gebäude?

 

Mit dem Bioquant ist es erstmalig gelungen, die "Mathematical" und "Computational Biology" mit klassischen Fragen der Biologie zu kombinieren. Außerdem wurden neue Technologieplattformen eingerichtet u.a. für die Strukturbiologie (z.B. die Kryoelektronenmikroskopie) und die hochauflösende Mikroskopie von Zellen. In lebenden Systemen entstehen dabei große Datenmengen, die zur Modellierung genutzt werden. Das Bioquant ist daher auch für die Heidelberger Systembiologie wichtig, welche die enormen technologischen Möglichkeiten nutzt, um molekulare Prozesse im systemischen Kontext zu analysieren.

 

Wie viele Professoren umfasst die Fakultät, und welche Institute gehören dazu?

 

Wir haben 36 Professoren, von denen 22 in den drei klassischen Instituten für Botanik, Zoologie sowie Pharmakologie und molekulare Biotechnologie (IPMB) tätig sind; 14 Professoren arbeiten in zentralen Einrichtungen der Universität wie dem ZMBH oder dem BZH. Hinzu kommen 20 Professoren anderer Fakultäten, die von unserer Fakultät kooptiert wurden und auf den interdisziplinären Charakter der Biowissenschaften verweisen. Dies zeigt sich auch in der Bildung mehrerer Zentren, unter denen das ZMBH mit seiner Departmentstruktur herausragt.

 

Wie geht diese Entwicklung weiter?

 

Wir werden sie konsequent fortsetzen: Derzeit sind zwei weitere Zentren geplant. Dabei handelt es sich einmal um das COS (Center of Organismic Studies from Molecular to Living Systems), mit einer EMBL-Partnerschaft, und zum anderen um eine Zentrenbildung in der Pharmazie. Alle Zentren haben ihren Kern in der Fakultät, sind aber in der Forschung mit anderen Fakultäten vernetzt und nutzen so die modernste Infrastruktur gemeinsam, wodurch ein beträchtliches Potential freigesetzt wird. Die Fakultät für Biowissenschaften verändert sich damit in Richtung auf eine Zentrenfakultät.

 

Wie wirken sich diese Veränderungen auf die Lehre aus?

 

Es wird die Aufgabe der Fakultät sein, die Lehre effizient zu organisieren. Die neue Struktur wird auch für die Studierenden attraktiv sein. Wir bieten schon jetzt drei Bachelor-Studiengänge an (Biologie, molekulare Biotechnologie und Pharmazie), dazu kommen aufbauende Master-Studiengänge mit Spezialisierungsmöglichkeiten in Richtung verschiedener Majors.

 

Wie hat sich die 2002 vollzogene Fusion der vorherigen Fakultäten für Biologie und Pharmazie bewährt?

 

Diese Fusion war ein Erfolg. Denn die molekulare Biotechnologie ist nun ein wesentliches Standbein unserer Fakultät. Die Integration der Kollegen aus der Pharmakologie bedeutet im Zuge der Zentrenbildung einen Brückenschlag zur Medizinischen Fakultät.

 

Welche Bedeutung haben Pflanzen- und Tierwelt?

 

Die Erhaltung der Vielfalt der Pflanzen- und Tierwelt auf unserer Erde ist eine Zukunftsfrage der Menschheit. Aber die biotechnologischen Fortschritte erlauben es auch, Neuland zu betreten. Etwa durch Genomsequenzierung können evolutionsbiologische Fragestellungen – die an den Kern unserer Herkunft rühren – erstmals mechanistisch beantwortet werden. Auch deshalb gründen die Kollegen aus Botanik und Zoologie das COS, wo diese Fragen neben anderen bearbeitet werden.

 

Wo steht der Mensch im Vordergrund?

 

Im Hinblick auf den Menschen ist die gemeinsam mit Heidelberger Medizinern durchgeführte Stammzellforschung relevant. Neue Initiativen gibt es auch in den Neurowissenschaften, wo es möglich ist, die Funktion unseres Nervensystems mit systembiologischen und rechnergestützten Methoden zu entschlüsseln.

 

Welche weiteren Entwicklungen zeichnen sich ab?

 

Auf der zell- und molekularbiologischen Ebene wollen wir verstehen, wie die Strukturen von Proteinen im zellulären Kontext funktionieren. Deshalb soll die Strukturbiologie gestärkt werden. Im Exzellenzcluster "Zelluläre Netzwerke" wurden zwei neue Professuren eingerichtet: für Proteinevolution und für Kryoelektronenmikroskopie. Gerade für die Tumorentstehung ist das Verständnis der Protein-Wechselwirkungen von entscheidender Bedeutung. Weitere Zukunftsthemen sind die Entwicklungs- und Stammzellbiologie, die Neurobiologie und die Systembiologie von Organismen und ihrer neuronalen Systeme.

 

Wie sehen Sie die Heidelberger Biowissenschaften positioniert?

 

Die sehr gute Positionierung zeigt sich in den Exzellenzerfolgen, aber wir wollen uns weiter verbessern. Auch wird es entscheidend sein, in Zukunft national und international kompetitive Berufungsangebote zu machen. Zu den Hauptkonkurrenten zählen hier München und Köln, aber auch namhafte europäische und amerikanische Universitäten. Es wird ebenfalls wichtig sein, für Biologie im Neuenheimer Feld ein gemeinsames Dach in Form eines großen Biozentrums zu finden.

 

Am 12. Februar 2009 steht Charles Darwins 200. Geburtstag bevor. Ist der Begründer der Evolutionstheorie bis heute die große Leitgestalt der Biologie?

 

Darwin hat unser Weltbild verändert. Aber erst mit unserem molekularbiologischen Wissen um die Identität der Genome der verschiedenen Organismen können wir die Tragweite seiner Erkenntnisse wirklich abschätzen. Es wird nun möglich sein, die Evolution von Organismen mechanistisch zu verstehen. Wegen der ungebrochenen Aktualität des Themas planen wir daher, das Darwin-Jahr 2009 mit der COS-Gründung und einem internationalen Symposium einzuläuten.

 

Welche Heidelberger Forscher waren besonders wichtig?

 

Im Bereich der Biowissenschaften lassen sich allein fünf Nobelpreisträger nennen: Albrecht Kossel und Otto Meyerhof, Richard Kuhn und Georg Wittig sowie der Neurobiologe Bert Sakmann. Auch heute hat ein Mitglied unseres Exzellenzclusters Chancen auf einen Nobelpreis.

 

 

Heribert Vogt

© Rhein-Neckar-Zeitung